Freundschaft
Nicht auf Instagram, sondern in echt
von Anna & Lara · 2025-04-28T14:13:56+00:00
Was es verändert, wenn man aus Online-Auftritten in echte Gespräche wechselt – und warum das mehr erfordert als nur einen anderen Kanal.
Genug von Instagram — lieber in echt als im Feed
Von Anna Schwengle, Mitgründerin von Boomer — Was viele, die zu Boomer kommen, zuerst sagen: nicht „Ich hasse Social Media“. Sondern: „Ich bin müde davon. Und ich weiß nicht genau, warum.“
Das hier ist kein Social-Media-Rant. Es ist ein Versuch, ein Gefühl zu beschreiben, das viele kennen — und das selten einen guten Namen hat: müde sein vom Gesehenwerden-Müssen.
Nicht, weil man Menschen nicht mag. Sondern weil man merkt: Ein Feed ist keine Nähe. Und das Scrollen hat irgendwann aufgehört, beides zu verwechseln.
Kurzüberblick: Wer genug von Instagram hat, hat selten genug von Menschen. Meist hat man genug von einer bestimmten Art, wie Begegnung dort inszeniert werden muss: sichtbar, optimiert, permanent. Die Frage danach ist nicht „weniger digital“ — sondern: welche Art von digitalem Raum eigentlich etwas trägt.
Was Instagram mit Begegnung macht — strukturell, nicht moralisch
Instagram ist für eine bestimmte Funktion optimiert: Sichtbarkeit erzeugen und halten. Das ist kein Vorwurf — es ist das Geschäftsmodell. Werbefinanzierte Plattformen müssen Aufmerksamkeit verlängern. Und Aufmerksamkeit verlängert sich durch Bilder, die auffallen, durch Beiträge, die Reaktion erzeugen, durch das permanente Gefühl, etwas zu verpassen.
Was dabei entsteht, wenn man längere Zeit dabei ist:
- Alles wird sichtbar — und damit vergleichbar. Das eigene Leben gerät ins Verhältnis zu anderen. Nicht dramatisch. Aber kontinuierlich.
- Alles wird bewertbar — und damit vorsichtiger. Wer weiß, dass sein Beitrag Likes bekommt oder nicht, formuliert anders — kontrollierter, auf Wirkung bedachter.
- Alles wird kurz — und damit selten tief. Das Format trainiert auf schnelle Einordnung. Wer lange bei einer Sache bleibt, verliert das Algorithmusprivileg.
Was diese Mechaniken im Einzelnen mit Aufmerksamkeit und Gespräch machen: Was an Online-Plattformen müde macht. Und warum Likes Gespräche strukturell verändern: Warum Likes Gespräche verändern.
Das leise Kippen: Wann „Genug“ entsteht
Es ist selten ein Moment. Es ist ein schleichendes Verschieben:
- Man scrollt nicht mehr aus Neugier — aus Gewohnheit.
- Man öffnet die App, ohne genau zu wissen, warum.
- Man postet etwas — und wartet auf Reaktion mit einem Gefühl, das sich nicht gut anfühlt.
- Man sieht, was andere zeigen — und fühlt sich danach leerer als vorher.
Irgendwann ist da ein klarer Gedanke: Ich will wieder mit Menschen sein — nicht mit Bildern von Menschen.
Das ist kein Rückzug aus der Gesellschaft. Es ist das Gegenteil — es ist der Wunsch nach echter Begegnung. Nach einem Gegenüber, das zuhört. Nach Gesprächen, die nicht für ein Publikum gedacht sind.
Kein Publikum — ein Gegenüber
Der eigentliche Kontrast ist dieser:
Im Feed geht es um Wirkung nach außen — wie sieht das aus, wer reagiert, was denkt das Publikum. In einem echten Gespräch geht es um Wirkung nach innen — was denke ich jetzt gerade, wie hört sich das an, wenn ich es ausspreche.
Das ist nicht dasselbe. Und viele merken, dass sie das eine seit Monaten oder Jahren bekommen — aber das andere immer weniger.
Das Gefühl von wirklichem Gespräch: kein Rhythmus, der von Benachrichtigungen diktiert wird. Kein Druck, etwas zu liefern. Einfach: jemand redet. Jemand anderes hört zu. Und dann kommt eine Antwort, die zeigt, dass wirklich zugehört wurde.
Warum echte Gespräche heute selten sind — und was sie strukturell möglich macht: Warum gute Gespräche heute so selten sind.
Nicht Rückzug — Auswahl
Viele verabschieden sich nicht von Instagram, weil sie nicht mithalten können oder technikfeindlich sind. Sie verabschieden sich, weil sie klarer werden. Weil sie anfangen, Dinge auszusortieren, die sie leer zurücklassen.
Das ist keine Erschöpfung. Es ist sozioemotionale Selektivität — ein Begriff, den die Psychologin Laura Carstensen für ein Muster geprägt hat, das sich mit dem Alter zunehmend zeigt: Menschen wählen bewusster aus, welche sozialen Kontexte ihnen guttun. Sie haben weniger Geduld für Räume, die viel versprechen und wenig geben. Und mehr Klarheit darüber, was sie wirklich suchen.
Instagram ist für diese Phase schlicht das falsche Format. Nicht weil es schlecht ist — sondern weil es für andere Bedürfnisse gebaut wurde.
Was Menschen suchen, die sich von Social Media abwenden: Was ich nicht mehr will.
Was stattdessen trägt
Die Frage nach „weniger Instagram“ ist eigentlich eine andere Frage: Was trägt stattdessen?
Echte Begegnung ist selten spektakulär. Sie ist eher so:
- Jemand hört zu, ohne sofort zu reagieren.
- Man darf einen Satz zu Ende denken.
- Man muss nichts beweisen.
- Es entsteht Nähe, ohne dass sie „gepostet“ werden muss.
- Man geht nach einer Stunde weg und fühlt sich voller, nicht leerer.
Das klingt simpel. Es ist in den meisten digitalen Räumen strukturell nicht vorgesehen. Es braucht einen anderen Rahmen: keine Sichtbarkeitslogik, kein Feed, kein Algorithmus, der entscheidet, was gehört wird.
Wie solche Räume aufgebaut sind: Gesprächsrunden online. Und was eine Plattform ohne Feed strukturell anders macht: Plattform ohne Feed.
Neue Kontakte ohne Performance-Druck
Manchmal ist das Bedürfnis ganz schlicht: neue Menschen kennenlernen — aber in einem Rahmen, der ruhig ist und nicht nach Auftritt riecht.
Das ist genau, wofür moderierte Gesprächsformate gebaut sind. Nicht für Sichtbarkeit. Nicht für Reichweite. Für Gespräch — mit Menschen, die dasselbe suchen.
Wie man das findet: Neue Leute kennenlernen ab 60. Und ohne Dating-Logik: Menschen kennenlernen ohne Dating.
Häufige Fragen
Warum macht Instagram müde, obwohl man Menschen mag?
Weil Instagram nicht für Begegnung gebaut ist, sondern für Sichtbarkeit. Es erzeugt den permanenten Eindruck, gesehen werden zu müssen — und macht gleichzeitig echtes Zuhören strukturell schwierig. Das erschöpft, auch wenn die Inhalte harmlos sind.
Ist es normal, mit 60 genug von Social Media zu haben?
Nicht nur normal — es ist ein Zeichen von Klarheit. Forschung zeigt, dass Menschen mit zunehmendem Alter bewusster auswählen, welche sozialen Kontexte ihnen tatsächlich guttun. Instagram ist für die meisten Menschen über 55 einfach das falsche Format — nicht weil sie damit nicht umgehen können, sondern weil es für andere Bedürfnisse gebaut wurde.
Was ist eine echte Alternative zu Instagram für echte Gespräche?
Formate, die ohne Feed-Logik arbeiten — kleine moderierte Gesprächsrunden mit klarem Anfang, Ende und Thema, ohne öffentliche Sichtbarkeit und ohne Bewertungslogik. Das ist das strukturelle Gegenteil von Instagram — und es liefert das, was Instagram verspricht, aber nicht halten kann: echte Verbindung.
Wie kommt man wieder in echten Kontakt mit Menschen?
Nicht durch mehr Aktivität, sondern durch bessere Rahmenbedingungen: kleinere Gruppen, Formate mit Wiederkehr, Gespräche statt Selbstdarstellung. Der erste Schritt ist oft, das Format zu wechseln — nicht die Intensität zu erhöhen.
Boomer baut auf dieser Gegenlogik: keine Sichtbarkeit, keine Inszenierung, keine Reichweite. Nur ein Gespräch, das stattfindet.
Wie Boomer funktioniertZur sozioemotionalen Selektivitätstheorie: Laura L. Carstensen, “Social and Emotional Patterns in Adulthood”, Psychology and Aging, 1992. Zur Wirkung von Sichtbarkeitslogik auf soziales Verhalten: Zygmunt Bauman, Liquid Modernity, 2000.